Der Django in uns

Eigentlich wollte ich ja in diesem Blog schöne Fotos posten und vielleicht hin und wieder mal einen redaktionellen Artikel. An der großen Politik und den mächtigen Problemen der Menschheit oder der ewigen Geschlechterproblematik und weiteren Tücken des Menschseins könnten sich andere die Zähne ausbeissen, dachte ich. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Der Mensch an sich hat Hirn. Mehr oder weniger präsent, manchmal schläfrig, hin und wieder aufmüpfig und ab und zu penetrant vorlaut. Das tut dann schon mal, was ihm passt. Und steuert die große Klappe oder die zuckende Schreibhand. Nun ja – off, we go…Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt…

Gestern habe ich „Django unchained“ im Kino gesehen. Mir war natürlich klar, daß ein Film von Quentin Tarrantino nichts für empfindliche Naturen ist… Bin ich aber auch nicht. Ein deftiger Actionfilm darf schon mal sein. Der muss dann halt zusehen, wie er in der Gedächtnisschublade neben „Harold and Maude“ oder „Rainman“ klarkommt. Und so saß ich gestern im Kino und hatte Spaß. Richtig Spaß. Denn der herrlich subversive Humor und die Gesellschaftskritik, die durchaus auch heute noch anwendbar ist, leuchteten dem Film förmlich zwischen Ton- und Bildspur durch. Bis dann auf der Candy-Farm der Tenor des Films schwenkte und der Tarrantino zum Vorschein kam, der Filme zwar durchaus künstlerisch, aber erschreckend brutal zeigt.

Plötzlich beschlich mich das Gefühl, es sei vielleicht nicht richtig, diesen Film gut zu finden. Ist es erlaubt zu lachen, wenn im „kleinen, zweiten Showdown“ die charakterlich verbogene Herrin des Anwesens von Django erschossen wird und dabei wie Mary Poppins rückwärts aus der geöffneten Portaltür fliegt? Zum Lachen natürlich nicht, weil sie fies ist und jetzt stirbt, sondern weil die Handlung so gnadenlos überzeichnet und skurril ist?

Natürlich spielt der Film mit den Emotionen des Zuschauers. Die schwarzen Sklaven werden behandelt wie Vieh, nein eigentlich schlimmer. Django und seine geliebte Frau werden gefoltert und stehen wiederholt kurz davor zur sterben und erhalten dann endlich die Möglichkeit sich zu rächen. Schon nachvollziehbar, wessen Position der Zuschauer innerlich bezieht und daß er (oder sie – es waren erstaunlich viele Frauen im Publikum) die süße Rache nachempfindet. Ausserdem ist ein Film ein Film und bleibt ein Film. Fiktion.

Dazu kommt die fantastische Spiellust von Christoph Waltz, der so authentisch wirkt und dabei so schreiend komisch ist. Seine akzentuierte Sprache, ausgesuchte Höflichkeit und scheinbare Harmlosigkeit inmitten von Primitivität und bodenloser Abgründigkeit. Der Hammer!

Aber dann sind da wieder urplötzliche Brutalitäten, die einen nur fassungslos zurücklassen können und einem das pure Adrenalin in die Adern jagen. So seltsam distanziert spritzendes Blut und Gewebe gezeigt werden, so daß es schon fast wieder an künstlerische Choreographie grenzt – das kann doch nicht menschlich sein?!

Ich bin also gut unterhalten und über weite Strecken amüsiert gewesen. Auch emotional aufgewühlt. Ging hinaus mit dem Gefühl, es sei ja nur ein Film und nichts weiter. Aber das Thema beschäftigt mich noch.

Was ist eigentlich menschlich? Und was ist unmenschlich, in der wahren Bedeutung des Wortes? Ist unsere zivilisatorische Tünche tatsächlich so dünn über Wahnsinn, Kaltblütigkeit und Gewalttätigkeit aufgebracht? Ich halte mich für einen gutmütigen und absolut ungewalttätigen Menschen. Ich würde nie meine Tochter schlagen und war noch niemals in eine Schlägerei verwickelt. Allenfalls Worte sind meine Waffen – so wurde ich erzogen. Aber vermutlich konnte und kann ich mir das in dem Umfeld auch leisten, in dem ich aufwuchs und erwachsen wurde. Mir fällt da sofort diese rhetorische Falle ein, die Wehrdienstverweigerern früher öfter in ihren Verhandlungen gestellt wurde: „Würden Sie nicht zur Waffe greifen, wenn ihre Familie tödlich bedroht würde und Sie könnten es mit Gewalt verhindern?“

Die passende Antwort sollte heißen, man befände sich ja nicht in dieser Situation und glaube auch nicht, daß diese Frage heute noch zeitgemäß sei. Rausgeredet… Frage unbeantwortet.

Und wir können uns noch so sehr einreden, Herr Tarrantino hätte nur einen eindrucksvollen Film gedreht. Vermutlich war die Wahrheit damals in den Südstaaten genau so oder sogar noch bestialischer. Und was ist mit allen diesen Schrecklichkeiten, die wir während der Nachrichten serviert bekommen? Portioniert und gerade so aufpoliert, um uns das Abendessen nicht hochkommen zu lassen. Fast jeden Abend hören wir von Dutzenden Menschen, die im Irak durch Autobomben oder Selbstmordattentäter sterben. Fast schon Routine, oder? Was ist mit den „Menschen“ von denen wir auch fast tagtäglich hören, wenn wir nicht schon weghören? Kinderschänder und Kindermörder,Tote im Drogenkrieg in Mexiko, Menschen die Hunde mit von Fleisch umhüllten Rasierklingen füttern, Pferde aufschlitzen oder pfählen, Rechtsradikalen, die unseren Gemüsehändler von nebenan töten, weil ihnen danach ist, Kindersoldaten in Afrika, die sogar ihre engsten Familienangehörigen töten. Alles Wahnsinnige? Abartige? Kranke? Gefolterte?

Sicherlich, das mag stimmen. Aber warum so viele? Wieso sind in Bosnien (Europa!!!) ab 1992 mindestens 100.000 Menschen zum Teil bestialisch ermordet worden? Der 3-monatige Völkermord in Rwanda und dem angrenzenden Zaire im Frühjahr 1994 kostete ca. 1.000.000 Menschen das Leben (1 Mio !!!). Die meisten wurden mangels Waffen mit landwirtschaftlichen Geräten und Macheten umgebracht. Inhalte von Augenzeugenberichten scheinen so grausam zu sein, daß buchstäblich niemand in der Lage ist, sich diese Taten auch nur im Nachhinein anzuhören, ohne noch Jahre später Alpträume zu haben. Weit über die Hälfte der Getöteten waren Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Ihre Mörder waren ihre Nachbarn. Aus dem Haus nebenan oder ein Dorf weiter. In der nur etwas weiter zurückliegenden deutschen Geschichte findet man fast die gleichen Untaten; dann auch noch kombiniert mit deutscher Gründlichkeit und Effizienz.

So – ich weiß, ich habe den Bogen weit gespannt und es gibt natürlich für alles Hintergründe. Aber wirkliche Erklärungen? Daran haben sich schon viele Soziologen, Psychologen und Verhaltensforscher die Zähne ausgebissen.

Mich hat jedenfalls dieser Film gestern Abend (erneut) sehr nachdenklich gemacht. Es muss Menschen geben, die Gewalt als Teil Ihrer Persönlichkeit und als Teil der menschlichen Natur (zumindest unterschwellig oder durch Verdrängungsmechanismen unterdrückt) akzeptieren und womöglich sind das mehr als wir uns eingestehen wollen. Oder betrifft das prinzipiell alle Menschen und es bedarf nur des passenden Auslösers?

Ich möchte das nicht glauben.

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