Tagebuch eines Erhitzten (Magic Grusel-Monday, extended version)

Ein Nachtrag zu Paleicas Thema der Woche. Man möge ihn mir verzeihen. Mir war sehr sehr heiß.

Mo, den 29.07.13: Es ist heiss wie die Hölle! Wie kann ein Mensch bei diesem Wetter arbeiten? Habe schlecht geschlafen letzte Nacht, weil es im Schlafzimmer 27 Grad hatte und über Nacht nicht abkühlte. Die Klimaanlage des Autos ist die beste Erfindung der Menschheit! Die Kollegen ziehen mich mit Gewalt aus dem Wagen, nachdem ich eine halbe Stunde zu spät dran war und sie mich draußen auf dem Parkplatz entdeckten. Der Motor lief natürlich im Stand – wegen der Klimaanlage. Jetzt nennen sie mich Umweltsau und schieben mir die Erwärmung in die Schuhe. Der Hund wollte heute nachmittag nicht mit gassi gehen. Das arme Tier hat auch noch einen Pelzmantel an! Sie wollte aber trotzdem nicht in die Isar gehen. Ich schon.

Di, den 30.07.13: Es ist noch heisser geworden und dazu hat’s noch eine hohe Luftfeuchtigkeit.

Die Tapeten fallen langsam von den Wänden. Als ich aus dem Büro kam hatte der Hund sich in die feuchten Tapetenbahnen gewickelt und schielte leidend zu mir hoch. Ob ich sie scheren soll? Die wird mich zerfleischen… Im Büro habe ich heute einen der Kollegen im Toiletten-Vorraum im Waschbecken sitzend erwischt. Das Wasser sei so schön kühl… Weichei! Ich musste die Handwerker rufen, weil das Waschbecken mein Gewicht leider nicht ausgehalten hat.

Mi, den 31.07.13: Im Schlafzimmer sind es nun tagsüber wie in der Nacht 30°C. Wir sind mit den Matratzen in den Keller gezogen. Ich bin heute morgen schon um 7:00 Uhr mit dem Hund raus, in der Annahme es sei im Wald um diese Zeit noch kühler. Stimmte – es waren nur 26 Grad. Dafür haben uns Millionen von Mücken fast ausgesaugt, weil ihnen das tropische Klima so gut bekommt. Ich wollte heute morgen eine Libelle fotografieren und musste feststellen, daß es in Wahrheit eine Stechmücke war! Den Biestern geht es gut! Ich dagegen fühle mich immer matter. Blutleer und vollkommen dehydriert. So viel Wasser wie man verliert kann man gar nicht trinken. Meine Haut wird schrumpelig. Die Kollegen wollten mich nicht reinlassen, weil sie mich nicht erkannten. Ich habe tiefe Ringe unter den Augen. Die sollen mal selbst in den Spiegel sehen.

Do, den 01.08.13: Ich habe in 10 Tagen Geburtstag. Ich bin aber nicht sicher, ob ich das noch erleben werde. Ich habe auch keinen Appetit mehr. Das Thermometer stieg auf 37°C im Schatten. Den Hund muss ich nicht mehr rasieren – die hat den Pelz von selbst abgeworfen. Steht ihr gut – sie ist schlanker, als ich dachte. Denken fällt mir allerdings immer schwerer. Der Wassermangel macht sich bemerkbar. Die Klimaanlage im Auto kommt nicht mehr gegen die Hitze an. Vermutlich tot. Der Wagen lief auch ganz unrund, aber der Tankwart sagte, daß wäre normal. Der Sprit kocht und das Auto saugt dadurch Luft mit an. Ich schwitze nun ständig so stark, daß ich als neuer Nebenfluss der Isar aufgeführt werde müsste. Der Getränkehändler droht, mir den extensiven Nachschub zu kürzen. Im Büro laufen jetzt beide Geschlechter völlig nackt herum. Seltsam – die Erkennung der anderen Menschen stellt sich um. Die Anzahl sichtbarer Unterscheidungsmerkmale ist plötzlich größer geworden. Irgendwelche lustvollen Regungen verspürt niemand. Wenn das Großhirn brodelt, wird der Mensch stumpfsinnig. Wenn Kunden kommen, werfen wir uns schnell kleine Handtücher um – ein Rest Scham ist geblieben. Meist ist das nicht nötig – die Kunden kommen entweder gar nicht mehr oder ebenfalls nackt.

Frei, den 02.08.13: Ich entdecke an mir einen gewissen Hang zur Zombifizierung. Der Wassermangel läßt die Haut faltig werden, die Augenringe haben sich noch vergrößert. Meine Wahrnehmungs- und Artikulationsfähigkeit sinkt ständig. Der Hund ist der einzige, der mich noch gut versteht. Grunzende, wuffende Laute sind genau ihr Repertoire. Essen mag sie aber auch nicht mehr. Alles zu heiss…Eiswürfel ins Fressen mischen hilft etwas. Das brachte mich auf die Idee, unsere Nahrungsmittel einzufrieren und zu lutschen. Ein Genuß! Heute Abend habe ich mich mit letzter Kraft in die Badewanne gewälzt. Gefüllt mit kaltem Wasser natürlich! Meine Frau sagte mir hinterher, ich hätte kurz Atem- und Herzstillstand durch den Schock der Temperaturdifferenz gehabt. Aber sie brauchte mir nur „Gletschereis“ ins Ohr sagen und schon war ich wieder da! Als ich aus der Wanne steig, ging es mir besser. Das Wasser war fast weg. Ein Drittel verdunstet, ein Drittel durch die Haut aufgesogen und ein Drittel getrunken.

zombieboySa, den 03.08.13: Die Hitze hat den Keller erreicht. Das Dachgeschoß mit dem ehemaligen Schlafzimmer ist nicht mehr betretbar, weil man sich schon auf der Schwelle die Fußsohlen verbrüht.Die Strassen der Stadt sind verwaist – alle Menschen sitzen bis zum Hals in Isar und Loisach. Die resultierende Überschwemmung ist ein Segen für die trockenen Felder und Wiesen. Die armen Landwirte begehen reihenweise Selbstmord. In die Firma muss ich Montag nicht mehr – der Server und alle PC’s sind entweder ausgefallen oder komplett ausgebrannt. Selbstentzündung. Auch ich habe Angst vor Selbstentzündung – meine schrumpelige Haut ist so trocken. Wenn ich den Kopf schief halte, kullert das eingetrocknete Hirn leise hin und her. Auf Toilette muss ich schon seit gestern nicht mehr. Entwässerung? Lachhaft! Meine Augen sind leuchtend gelb. Irgendwo muss der Harnstoff ja hin. Dafür geschah heute Abend ein Wunder! Es zog ein Gewitter auf und es regnete! Zwar waren es nur ca. 10 Tropfen pro Quadratmeter, aber besser als nichts! Habt Ihr schon mal Rasen erleichtert aufstöhnen hören? Ich schon! Während ich – zusammen mit tausenden anderen nackten Irren – über die Felder durch den Regen kroch, traf mich einer der Gewitterblitze. Hat mir gar nichts ausgemacht. Ällabäätsch. Ich fühle mich endlich wieder etwas lebendiger. Vielleicht fällt mir ja auch mein Name wieder ein.

So, den 04.08.13: Der Strom ist ausgefallen, weil den Wasserkraftwerken die Flüssigkeit weggedunstet ist. Das letzte funktionierende bayrische „unsaubere“ Kraftwerk ist schon gestern ausgefallen. Kein Kühlwasser mehr. Also kein gefrorenes Essen mehr…Draußen sind es über 45°C im Schatten, gefühlte 50. Aber fühlen…ist sowieso schwierig. Ich existiere nur noch. Das ist ja immerhin etwas. Ich habe mich fingerdick mit Nivea eingecremt, weil ich denke, ich kann auf diese Weise den Flüssigkeitsverlust minimieren. Der Hund findet’s lecker…

Mo, den 05.08.13: Ich habe versucht den Starnberger See auszutrinken und bin von der Polizei verhaftet worden. Ein Freund hatte mir den Tipp gegeben: Die Ordnungshüter haben auf Ihrem Revier noch ein Notstromaggregat und eine funktionierende Klimaanlage. Obwohl ich lange gebettelt und gefleht habe, haben sie mich bald wieder rausgeworfen. Diese Unmenschen! Barbaren, aungezogene! Mein Nachbar hat sich derweil in die vermeintlich kühle Erde seine Gartens vergraben und lässt sich von seiner Frau durch einen bunten Strohhalm versorgen. Woher nimmt die Frau die Kraft? Sie trägt einen pinken Bikini, ist braun gebrannt und tänzelt graziös durch den Garten, nach einer Melodie, die wohl nur sie hört. Apropos Frau – wo ist eigentlich die meinige, mitsamt unserer Tochter? Irgendwie habe ich noch im Ohr, sie wolle das gute Wetter nutzen und einige Tage Urlaub machen. Kann das sein? Halluziniere ich bereits?

Di, den 06.08.13: Ich hatte eine geniale Idee! Aus dem gasbetriebenen Camping-Kühlschrank habe ich mir einen Hut gebaut. Damit er kühlen kann, habe ich in den Deckel einen kopfgroßen Ausschnitt geschnitten und die Lücke zu meinem Schädel mit Knete gedichtet. Meine Denkfähigkeit kehrt zunehmend zurück, aber die Diskrepanz zwischen kaltem Kopf und Nacken und heißem Körper ist problematisch – ich verspanne mich immer mehr. Einer der überhitzten Nachbarn schiesst auf mich. Bayern sind die deutschen Amerikaner! In jedem Wohnzimmerschrank eine Knarre! Er stammelt, er hätte mich für einen Alien gehalten. So ein Quatsch! Man weiß doch, daß die immer eiförmige Schädel haben! Mein Gehirn läuft eisgekühlt wie mit Supraleitung! Ich halte einen Notarztwagen an und lasse mir 4 Stützstrümpfe geben. Je einen für jede Extremität. Das stabilisiert den Kreislauf und ich kann die Strümpfe durchnässen, um mich durch die Verdunstungskälte kühlen zu lassen. Das Wasser dafür habe ich aus der Heizungsanlage des Nachbarn abgelassen. Leider ist es wohl veralgt und etwas grünlich. Erneut wird auf mich geschossen. Der Nachbar argumentiert, ich habe die typische Hautfarbe von Aliens. Der Mann denkt noch erstaunlich klar für sein Delirium. Ich bin auf dem Wege der Besserung, schon wieder zu Scherzen aufgelegt und verkorke den Strohhalm des vergrabenen Nachbarn. Ich baue mir ein Zelt aus geklauten Sonnenschirmen, lege reflektierende Rettungsdecken aus dem Auto-Verbandskasten darüber und schlafe ein.

Mi, den 07.08.13: Ich erwache bei Dämmerung durch den starken Regen, der auf meine Sonnenschirme prasselt. Ein Wunder! Der Regen kühlt die Temperatur auf erfrischende 25 Grad ab und ich lege den Kopf in den Nacken und trinke direkt aus der Luft. Der Kühlschrank löst sich von meinem Schädel und zerspringt in mehrere Einzelteile. Chinesisches Billigfabrikat? Aber lebensrettend! Ich beschliesse dem chinesischen Volk einen Dankesbrief zu senden. Während ich noch grübele wie es nun weitergeht, rollt ein Rettungskonvoi mit wassergefüllten Tankwagen und Lebensmittel aus Thüringen ein. Dort waren die Temperaturen letzte Woche moderater und unsere Freunde haben uns nicht vergessen. Da hat sich also der jahrelange Soli doch noch bezahlt gemacht ^^

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19 Gedanken zu „Tagebuch eines Erhitzten (Magic Grusel-Monday, extended version)

    • Ach Du meine Güte – da habe ich ja noch mal Glück gehabt! Ich wollte Euch fröhlich machen und nicht umbringen! 😉
      Kühler ist es hier erst heute Nachmittag geworden. Muss gleich mal die Dachfenster aufmachen und DURCHZUG machen. 🙂

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