Knastbrüder

Ich war gestern seit Langem mal wieder im Zoo. In München. Wie jedesmal werde ich von widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken begleitet. Sicher ist es nicht vollkommen falsch für den Erhalt der Tierarten zu sorgen. Aber wir müssen das nur tun, weil wir selbst ihre Lebensräume zerstören. Ist es nicht also eine fadenscheinige Ausrede, den Bestand seltener Tiere erhalten zu wollen? Die Tierparks bemühen sich schon, mit neuen, tiergerechteren Konzepten, lebenswerte Umwelten für die Tiere zu schaffen. Dennoch kann dies doch für intelligentere Tiere oder für solche mit besonderen Bedürfnissen nicht ausreichend gut funktionieren. Wie will man je für Geparden einen artgerechten Auslauf schaffen? Delphine sollen möglicherweise ähnlich intelligent wie Menschen sein, wenn ihre spezifische Intelligenz auch ganz anders als die menschliche sein mag. Wie kann man sie also lebenslang einsperren? Oder die höheren Primaten – wir nennen sie unsere „nächsten Verwandten“ und verurteilen sie zu lebenslangem Knast.

Ich bin eigentlich nicht in den Tierpark Hellabrunn gefahren, um Öl in bekannte, heiße Diskussionen zu gießen. Aber ich habe mir Zeit zum Fotografieren genommen und die Tiere beobachtet. Mein Entsetzen kam von selbst, gerade dadurch.

Irgendwie musste ich an Patiententestamente der Menschen denken. In einer solchen, für mich verfassten Verfügung würde stehen, daß ich einen Tod in Freiheit dem lebenslangen Wegsperren vorziehen würde, wäre ich ein Primat. Ich habe lange Zeit gedacht, es seien allzu radikale Spinner, die weitgehende „Menschenrechte für Tiere“ fordern. Heute meine ich, daß es vielleicht wirklich Zeit dafür ist.

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25 Gedanken zu „Knastbrüder

    • Zu lösen wäre das -wenigstens zum Teil – durchaus. Der Mensch steckt sehr wenig Ressourcen und Geld in den Arterhalt bedrohter Tiere unsd den Erhalt ihrer natürlichen Lebensräume, weil es den Menschen selbst einschränken würde. Sein Wachstum, seine Industrie, seine Ausbeutung von Ressourcen. Der Mensch müsste endlich beginnen zu begreifen, dass nicht er selbst grundsätzlich und automatisch Vorrang hat.

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    • Nein – ich fand‘ zwar schrecklich, daß die Giraffe so öffentlich zerlegt und verfüttert wurde, aber prinzipiell wäre das in freier Natur ja auch nicht anders. Fleischfresser leben nun mal von Fleisch. Wenn der Löwe kein Giraffenkotelett bekommt, dann muss man ihm halt Rind besorgen. Auch nicht anders oder besser. Es ist auch eine normale Praxis, daß die Zoos nicht benötigte Nachzuchten verfüttern – das wird nur normalerweise nicht an die große Glocke gehängt…

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      • Kontroverses Thema, um ehrlich meine Meinung zu sagen. Selbstverständlich passiert so was im Tierleben – aber wir sind eben keine Tiere, wir sind Leute. Und das Töten den Kindern zu zeigen, das fand ich persönlich grenzwertig.

        Aber gut, ist nicht das Thema hier, sorry für den Einwurf. 🙂

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    • Das ist exakt der Punkt. Es wird Zeit, daß Tiere mehr Rechte erhalten. Wenn jemand in Deutschland aus mutwilliger Böswilligkeit einen Hund oder eine Katze erschlägt, so ist das immer noch nur „Sachbeschädigung“. Das kann es doch nicht sein!

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    • Ja, meine Beispiele waren nur genau das: Beispiele, stellvertretend für viele Tierarten, die ebenfalls unwürdig vor sich hin leben müssen. Das Bild vom hin und her webenden Elefanten, der vor Frust in Hospitalismus verfallen ist, kennt wohl jede/r.
      Besonders zynisch empfinde ich Bemerkungen von Pro-Zoo-Verfechtern, die anführen, es ginge den Tieren doch viel besser, als unter dem Druck des Überlebens im natürlichen Biotop. Setzt die Leute unter Valium und sperrt sie in die Klapsmühle – da geht es ihnen viel besser, als draußen, mit dem ganzen Jobstress! 😦

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  1. Ja deine Bilder gehen mir ans Herz, und ich finde, du hast mit deinen Überlegungen Recht, aber befürchte auch, dass ich in dieser Richtung keine großen Veränderungen mehr erwarten kann. Ich bemühe mich aber, dass es wenigstens in meinen Mikrokosmos stimmt. lg Marlies

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    • Ich glaube nicht das das stimmt. Die Lage wird sich zuspitzen. Entweder tut die Menschheit ernsthaft etwas für die Wildtiere oder ein Großteil wird aussterben. Das größte Reservat für afrikanische Wildtiere, die Serengeti, ist z.B. ganz akut bedroht. Am Süd- und Westrand der Serengeti wurden gewaltige Bodenschätze und Erdöllagerstätten gefunden. Es existieren bereits ernsthafte Bestrebungen in Tansania, die Schutzgesetze einzuschränken. So oder ähnlich wird das überall auf der Welt geschehen. Man muss sich nur den südamerikanischen Urwald anschauen. Jeder weiss, was dort geschieht, aber gegen die wirtschaftlichen Interessen kann oder will niemand ernsthaft angehen.
      Es gibt ab einem gewissen Punkt nur „Hop oder Top“.

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      • Aber haaalt!
        Ich tue uns Menschen Unrecht…ich habe die Liebhaber von Krombacher Bier vergessen, die selbstlos und verzweifelt gegen die Abholzung des Regenwaldes ansaufen! 😉

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  2. Die Veränderungen bezogen sich auf mein Alter(!), die meisten von euch werden wesentlich jünger sein. Ich habe mich schon immer engagiert und bin auch nicht abgestumpft, wie viele aus der „Revoluzzer-Zeit“, aber ich bin auch Realist und manchmal auch ein Menschenfeind, aber das führt hier jetzt wirklich zu weit. Deine Bemerkungen unterschreibe ich aber voll und ganz.
    lg Marlies

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  3. Wie recht du mit deinen Gedanken hast. Und ich bin auch immer wieder hin- und hergerissen. Allerdings zwischen purem Egoismus (wenn ich ehrlich bin) und dem Meta-Blick. Kein Tier muss in einem Zoo überleben und gerade gestern dachte ich noch darüber nach, dass in Zeiten des Internets, des Zugriffs auf Filme, Bilder und Texte, sich jeder Mensch über jede Tierart informieren kann, ohne dass sie in einem Zwinger gehalten werden muss. Was tun wir den Tieren an? Delfine werden wahnsinnig, Eisbären und Affen ebenso….. Eingesperrt, der natürlichen Lebensweise beraubt und dem Menschen zur Schau gestellt. FURCHTBAR. Und trotzdem gehe ich alle 1-2 Jahre in den Zoo. 😦

    Ich weiß, dass unser Fleischkonsum den Planeten belastet und trotzdem bin ich immer noch kein Vegetarier.

    Warum ticken Menschen so? *grusel* Wir zerstören, wie du schon geschrieben hast, ihren Lebensraum und stellen sie aus wie Kunst, sie sind aber keine toten Gegenstände.

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    • Tja – dem bleibt nichts hinzuzufügen…
      Ich fürchte, Egoismus ist letztlich in allen Menschen genetisch tief verankert, ob wir das wahr haben wollen oder nicht.
      Darüber liegt eine Schicht Bildung, Kultur und anerzogene Ethik.
      Und offenbar hat dieser Überzug Grenzen, die je nach Situation mehr oder weniger klar, bzw. früh zu Tage treten…

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  4. Dem kann ich nur zustimmen, gerade bei Affen finde ich es besonders schlimm (deren Blick sieht immer so traurig aus,als ob sie einen um Hilfe anflehen)…ich gehe nicht gerne in Zoos, Tierparks sind mir wesentlich lieber, dort ist es meistens etwas artgerechter und mit größerem Platzangebot .
    Ein sehr ernstes und wichtiges Thema.
    VG, Netty

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    • Ehrlich gesagt, weiß ich noch nicht, wie ich damit umgehen soll…
      Ich finde es sehr schmerzlich, daß mit anzusehen, aber nicht mehr hinzugehen hiesse auch, das Thema zu verdrängen. Was nichts ändert und nichts verbessert. Andererseits werde ich in meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter bestimmt kein Tierbefreihungs-Aktivist mehr… Das ist schon frustrierend.

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      • Darum zu wissen ist das eine, es sich ständig anzusehen das andere. Niemandem ist damit gedient, wenn ich mir einen Missstand immer wieder ansehe. Was nicht gleichbedeutend damit ist, es zu verdrängen, durchaus nicht.

        Die meisten Missstände auf der Erde brauchen vor allem Zeit, damit sich etwas ändert. Wer bin ich, diese Zeit aussetzen zu können? Die Zeit, in der das Bewusstsein von Menschen wächst und sich verändert, kann ich nicht abkürzen.

        Ich sehe meine einzige Macht in Bezug auf solche Missstände darin, für mich selbst konsequent das zu leben, was ich für richtig erachte. Und den anderen ihre eigenen Entscheidungen zu überlassen.

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