Reiseliteratur (Teil 4/8): „Das Morgenland ist weit“

Ich hatte ja schon vor 2 Tagen hier angekündigt, dieses Buch unter apokalyptischen Umständen vor der Zerstörung retten zu wollen und das hat natürlich seinen Grund. Denn dieses Buch ist nicht nur interessant und mitreissend geschrieben, sondern gewissermaßen auch eine Zeitzeuge.

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Ich bin über das Buch während meiner ständigen Suche nach Motorrad-Reisebüchern und Reisebüchern gestolpert. Die Gesamtauflage dürfte nicht allzu groß sein, denn viele potentielle Leser/innen dürften dahinter ein Werk vermuten, daß eben speziell für Motorradfahrer interessant ist. Das ist aber ein Trugschluss, denn dieses Buch ist eine Reisebeschreibung reinsten Wassers! Daß die beiden Hauptprotagonisten, Oss Kröher und sein Freund und Reisegefährte Gustav Pfirrmann, ihre Reise von Pirmasens bis nach Kalkutta mit einem uralten, schwächlichen Motorradgespann antreten, ist eigentlich nicht wirklich wichtig, wenn es ihrer Reise auch einen besonderen Charakter verleiht. Schon bei ihrer Alpenüberquerung in die Dolomiten überrascht sie starker Schneefall und sie lösen das ernste Problem, womöglich auf dem verlassenen nächtlichen Pass zu erfrieren, indem sie ihre Reifen mit einem Hanfseil umwickeln, um wieder etwas Haftung zu bekommen und weiterfahren zu können ohne in den Abgrund zu rutschen.
Beide Männer sind in ihren frühen Zwanzigern, als sie 1951 zu ihrer Reise aufbrechen. Sie waren im Krieg und haben einen ungeheuren Nachholbedarf an Spaß und an Leben. Mit nur minimalen Ersparnissen brechen sie auf, mit ihrem alten, vollgepackten NSU-Gespann von 1927 und sind bereit, die Welt zu erobern. In ihrem jugendlichen Überschwang sind sie überzeugt, sich mit ihren Fähigkeiten als Zauberer und Sänger und Musiker über Wasser halten zu können. Ihre Reise könnte man so – in dieser Form – heute gar nicht mehr durchführen. Die Infrastruktur auf der ehemaligen „Seidenstrasse“ ist zu dieser Zeit noch vollkommen unentwickelt und überall, wo sie auftauchen, wirken sie genau so exotisch, wie die bereisten Länder auf sie selbst. Ihr altes Motorrad, daß sie „Cora“ nennen, bricht ihnen ständig unter dem Hintern zusammen und sie sind eigentlich immer auf die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen angewiesen. Aber genau diese wird ihnen auch stets gewährt. Wohin sie auch kommen, finden sie Gönner oder Freunde, die sie in die Gesellschaft einführen, ihnen einen Schlafplatz organisieren und ihnen helfen, ihre Künste als Gaukler, Zauberer und Bänkelsänger und Chansonier unter die Menschen zu bringen. Als „Corano-Brothers“ treten die Freunde so erfolgreich auf, daß ihnen bald ihr Ruf vorauseilt und sie entlang ihres Weges häufig schon freudig erwartet werden. Die Beschreibungen ihrer Abenteuer sind dabei ebenso interessant wie kurzweilig. Istanbul hatte schon in den 50er Jahren ein Nachtleben, dass weltweit seines Gleichen suchte und die Überquerung des pakistanischen Kaiberpasses mit einem 12-PS-Motorrad in einem Schneesturm ist ein Vorhaben, daß heutezutage vermeintlich hartgesottenen Globetrottern als unmöglich erscheinen würde.
Das wirklich Besondere an diesem Buch liegt darin, daß wir nicht nur eine fantastische, aufregende, geographische Reise miterleben dürfen, sondern auch noch eine Zeitreise.
Und deshalb bin ich froh, daß ich dieses Buch als Hartband erworben habe, denn das wird mir mehrfaches, wiederholtes Lesevergnügen ermöglichen.

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6 Gedanken zu „Reiseliteratur (Teil 4/8): „Das Morgenland ist weit“

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