Reiseliteratur (5/8): „The longest way“

Seltsam eigentlich, wieso der Titel dieses Buches englisch ist. Der Autor, Christoph Rehage, ist Deutscher und das Buch handelt von seiner über 4500 Kilometer langen Wanderung zu Fuß durch China. Wäre denn „Der längste Weg“ zu unsexy gewesen? Ist das Marketing-Geblubber? Eine Ungereimtheit, von denen sich – für mich persönlich – noch einige in diesem Buch fanden. Und das unterscheidet diesen Reisebuch-Artikel wohl auch von den anderen, die ich bisher geschrieben habe. Die bisher skizzierten Reisebücher waren Lieblingsbücher. Dieses hier gefiel mir durchaus, aber ich muss es differenziert betrachten. Wenn man so will, ist dieses hier die erste echte Rezension in dieser, meiner kleinen Reihe von Buchvorstellungen.

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Christoph Rehage – oder „Leike“, wie er von den Chinesen genannt wird – hat eine Weile Sinologie in München studiert und schliesst daran 2 Jahre Studium der Filmtechnik in Peking an. Er verbessert seine Fähigkeiten, die schwierige chinesische Hochsprache und Schrift (Mandarin) zu meistern und beschließt, nach Abschluß seines Studiums durch China zu wandern, um das Land und die Menschen, sowie sich selbst, noch besser kennenzulernen. Er baut sich einen Handwagen, auf dem er die notwendigsten Dinge des täglichen Lebens transportieren kann und wandert los. Durch seinen für die Chinesen unkonventionellen Reisestil und die verwunderliche Tatsache, daß er ihre Sprache spricht, trauen sich die Menschen, quer durch alle Bevölkerungsschichten, leichter an ihn heran. Er lernt die Menschen kennen, erfährt, was sie antreibt und wie ihr Leben verlief. Die komplexe, moderne chinesische Geschichte, mit dem Beginn des Kommunismus im Land, der „Hundert-Blumen-“ und der folgenden Rechtsabweichler-Kampagne, dem grauenhaften „großen Sprung nach vorn“ (der bis zu 45 Mio Menschen das Leben kostete!) und der anschließenden Kulturrevolution – bis hin zur neuzeitlichen „sozialistischen Marktwirtschaft“ – all das erschließt sich dem interessierten Leser etwas besser anhand der Geschichten der Menschen, die Rehage trifft. Ganze Generationen von Chinesen sind von ihren Machthabern an Geist und Körper versehrt worden, zum Teil zutiefst traumatisiert. Und dennoch scheint dieses Volk irgendwie zu glauben, daß die Entwicklung sich letztlich zum Guten gewandt hat und China gestärkt hat. Und leise, ganz leise darf selbst gedacht und auch in Grenzen kritisiert werden. Aus unserer Sicht hat das mit Demokratie noch immer nur rudimentär zu tun, aber dennoch – das riesige Land modernisiert sich. Für mich war dieses Buch ein hochinteressanter Blick in ein Land und in die Mentalität seiner Bewohner, das vorher ein Buch mit 7 Siegeln für mich war. Rehage begegnete den Menschen auf Augenhöhe und ich habe das Gefühl, auch mit Wärme und Verständnis für die Menschen. Auf der anderen Seite aber, kristallisierte sich für mich auch immer mehr der Charakter des Menschen Christoph Rehage heraus. Und ich bin nicht sicher, ob mir dieser liegt. Zu häufig schien für mich sein Egoismus durch und auch seine rudernde Suche nach sich selbst, auf deren Weg er andere häufig genug vor den Kopf zu stoßen schien. Ungläubig muss ich als Leser mit ansehen, wie er seine chinesische, jedoch in München lebende Freundin belügt und betrügt und sich scheinbar dennoch als armes Opfer fühlt. Man mag jetzt sagen, ich könne das anhand eines einzelnen Erlebnisberichtes doch gar nicht beurteilen! Das mag schon sein, doch immerhin erzählt er selbst ja schonungslos offen und legt auch seine Gedanken dar. Der Punkt ist nur der, daß ich jeweils andere Schlüsse gezogen hätte, als er es tat. Ich habe die Buchdeckel also geschlossen, in dem Gefühl, interessante Geschichten erzählt bekommen zu haben, von einem jungen Mann, der vielleicht zu früh gewagt hat, ein so offenes und persönliches Buch zu schreiben. Und ich habe mich dadurch auch wieder daran erinnert, daß man natürlich sehr wohl das Buch eines Autors genießen und wertschätzen kann, den man im wahren Leben möglicher Weise nicht zu seinen Freunden zählen wollte.

Auf Youtube gibt es übrigens ein sehr witziges Timelapse-Video zu sehen, daß den selbst dokumentierten, fortschreitenden Zustand der Reiseverwahrlosung Rehages zeigt. Unbedingt anschauen! Video

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4 Gedanken zu „Reiseliteratur (5/8): „The longest way“

  1. Wenn er zu dem Zeitpunkt noch kein Dreissigjähriger war, wie ich gerade in einem alten Beitrag des SZ-Jugendmagazins „Jetzt“ vom 27. April 2009 ( > „Geh doch nach Hause“ ) las, kann man ihm den Egotrip wohl eher verzeihen als einem reifen liebevoll reisenden Gerd Ruge. Ich kann mir schon vorstellen, dass Prioritäten und Draufsicht dann andere sind. Aber ich glaube auch, dass es nicht leichtfällt, um der Informationen willen die in der Darstellung transportierte persönliche Sicht des Autors zu „umlesen“, um sich nicht aufregen zu müssen. Mir fällt das schwerer als dir, glaube ich. Solche Bücher würde ich nie mit ins Bett nehmen, die bleiben beim Sofa liegen und werden neben anderen Büchern gelesen.

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    • Du hast Recht und ich schrieb das ja auch: Vermutlich war er einfach noch zu jung…
      Aufgeregt habe ich mich deswegen nicht, mir stellten sich nur mit dem Lesefortschritt die Nackenhaare immer weiter auf und ich kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Aber letztlich lehrt einen auch so etwas mehr über die Menschen. Wer sagt denn, daß der Leser der Maßstab ist? Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann Toleranz. Ich muss ja nicht gut finden, was andere tun, aber das Recht auf seine eigenen Fehler und die eigenen Sichtweisen hat jeder.

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