Mahnmal

Ich kannte das Mahnmal für die Ermordung der Juden Europas bisher nur aus dem Fernsehen. Ich machte mir keine Vorstellung davon, wie groß und wie eindrucksvoll das Areal ist. Der Boden, auf dem die Stelen stehen, ist nicht eben, sondern wellig. Man taucht förmlich ein in die Säulenlandschaft und der Schall der Grossstadt wird zwischen den Quadern verschluckt. Plötzlich ist alles still. Ich war sehr beeindruckt.

Die Wirkung dieser überdimensionalen, begehbaren Skulptur ist viel eindringlicher, als ich es mir anhand der nackten Zahlen und Beschreibungen vorgestellt hatte. Und natürlich betritt man dieses Gelände mit Beklommenheit.

Als dann Kinder und Jugendliche zwischen den Stelen Verstecken spielten, auf den Säulen kletterten und vor Freude kreischten, wenn sie sich im Gewimmel der Säulen verloren und plötzlich wiederfanden, hat mich das zunächst gestört – das muss ich sagen. Das Wort „Pietätlosigkeit“ kam mir zuerst in den Sinn. Ich musste an einen Blog-Artikel denken, in dem es darum ging, wie schlecht erzogen und diesbezüglich ungebildet die Kinder seien, die hier herumtobten.

Oberflächlich gesehen mag man das so sehen. Ich war geneigt, dem in Teilen zuzustimmen, bevor ich das Mahnmal selbst gesehen hatte.

Aber nun – je länger Martin (bitte schaut Euch auch seine tollen Fotos an) und ich zwischen den Stelen herumstreiften und fotografierten, sie auf uns wirken ließen, desto weniger störte mich das quirlige Leben rundherum.

Daß die Menschheit, wir Deutschen im Besonderen, dieses verübte Grauen nicht aus dem Gedächtnis verlieren darf, daran besteht für mich keinerlei Zweifel. Aber ich glaube, daß das kollektive Wegschließen und hin und wieder Hervorholen nicht der richtige Weg ist damit umzugehen. Aus meiner Sicht, muss die Menschheit mit dem Gedanken daran zu leben lernen, wessen sie als Kollektiv fähig ist. Die Ermordung von Millionen Juden ist zwar in Ihrer schieren Gewalt und Unmenschlichkeit im negativen Sinne einzigartig, aber es war nicht das letzte Mal, daß die Menschen solche Taten verübten. In Rwanda wurden 1994 bis zu 1 Million Menschen bestialisch hingemetzelt. Ein erneuter Völkermord, der zeigt, daß die Menschheit bei Weitem nicht genug gelernt hat – ja womöglich dazu niemals in der Lage sein wird.

Um zurück zu den spielenden Kindern zu kommen: Ich meine, daran ist nichts Schlechtes. Es ist menschlich und gut. Und Menschlichkeit ist doch das, was uns als Kollektiv scheinbar manchmal fehlt. Unter der Voraussetzung, daß man natürlich mit den Kindern darüber offen sprechen muss, durch was für eine Stätte sie dort toben, glaube ich, daß auch die vielen Ermordeten lieber von Kinderlachen getragene Hoffnung hören wollten, wenn sie es denn könnten, als daß sie in ewigem betretenen Schweigen dort liegen wollten. Zumal Ihre Gräber sich dort ja nicht befinden. Spielende Kinder lernen sozialen Umgang, Gruppendynamik und – wenn wir Glück haben und Manches richtig machen – Toleranz.

Ich habe jedenfalls das Stelenfeld mit dem Gefühl verlassen, daß es richtig ist, daß Mahnmal jederzeit und ohne Ristriktionen allen Menschen offen zu lassen. Die wenigen Aufsichtspersonen, die dort nach dem Rechten sehen, haben ein gutes Händchen. Nicht immer wird rigoros schimpfend eingegriffen, sondern nur dann, wenn das fröhliche Lachen allzu wild wird und die Expeditionen auf die Stelen allzu waghalsig. Und sie sprechen mit den Kindern und ihren Eltern, sie erklären und informieren. Ganz anders, als die viel früheren Schergen, die bar jeden Humors und gnadenlos verbort durchgegriffen haben – auf Unterdrückung aus und nicht auf Zusammenleben.

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17 Gedanken zu „Mahnmal

  1. Dein Post ist eine Bereicherung in Bild und Text. Ich kann gut nachvollziehen, was du beschreibst. Es ist nicht immer gut auszuhalten, wenn man selbst gerade völlig gerührt und betroffen an so einem Ort ist. Kinder verstehen es noch nicht, Jugendliche nur bedingt und sie machen ihren Gefühlen auf andere Weise Luft, weil sie damit nicht anders umgehen können. Anders bei Erwachsenen, die diesen Orten nicht den nötigen Respekt zollen.

    Es ist furchtbar, was möglich war. Und du hast Recht, die Judenverfolgung, Rwanda (Völkermord), aber auch die Versklavung von Menschen ist immer das Ergebnis eines großen gesellschaftlichen Konsens. Und es darf nicht vergessen werden!

    Nachdem ich das Holocaust-Mahnmal und die darunter liegende Ausstellung besucht hatte, bin ich tief betroffen nach Hause gefahren. Mir ging es wirklich schlecht. Nicht, dass das Thema neu für mich gewesen wäre. Wir haben in der 10. Klasse nur dieses Thema durchgearbeitet, aber die Betroffenheit ist immer da, wenn ich damit konfrontiert werde. Vielleicht weil ich es nicht verstehen kann. Nicht nachvollziehen kann, wie Menschen Menschen so etwas antun können. Nicht nachvollziehen kann, warum nur so wenige Widerstand geleistet haben, warum ich Jahrzehnte danach von alten Menschen noch hören muss, dass Hitler doch so viel Gutes getan hat. Schließlich habe er doch die Autobahnen gebaut und endlich mal die Mütter gewertschätzt. Und Juden, das wisse man ja, seien raffgierig und komisch. Und wenn ich heute höre, dass jemand sagt, er gehe lieber auf nicht auf das Klo, weil da doch eine Farbige drauf war, und da wisse man ja nie….. wird mir schlecht.

    Ich war unlängst im ehemaligem KZ Neuengamme und ich – als Teil eines Kollektivs, dessen Täter teilweise noch unter uns sind- entschuldige mich in Gedanken- und ein großer Wunsch von mir ist, einmal Auschwitz zu besuchen. Emotional würde mich das umhauen, aber es ist mir ein tiefes Bedürfnis.

    Danke für diesen Artikel.

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    • Vielen Dank für Dein offenes und sehr persönliches Feedback, liebe Conny. Das Thema ist natürlich ein weites Feld, über dessen Hintergründe und Psychologie sich schon viele schlaue Menschen Gedanken gemacht haben. Es bleibt die unangenehme Tatsache, daß sich scheinbar solch ein hasserfülltes und gewaltbereites Klima in einer Gesellschaft immer wieder entwickeln kann. Was für ein Individuum undenkbar und schlicht nicht nachvollziehbar ist (ich kann Dir hier absolut beipflichten), kann sich dennoch in der Masse entwickeln. Extrem gruselig!
      Und das ist die wesentliche Lehre, die man als verantwortungsvoller Mensch daraus ziehen muss: Die Täter sind in der Tat unter uns und das selbst dann, wenn die Generation unserer Großväter tot ist. Die potentiellen Täter sind wir alle. Sicherlich größten Teils nicht aktiv, aber es scheint wohl so zu sein, daß ab einer gewissen Schwelle die ungute Massendynamik nicht mehr zu stoppen ist. Erziehen wir also unsere Kinder lieber in dem Bewusstsein, daß Zivilcourage, Toleranz und selbstständiges Denken essentiell für eine friedliche Gesellschaft sind.

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      • Geht mir ja selbst ganz genauso, Conny. Und hängt natürlich auch damit zusammen, wie man „Täter“ definiert. Sind das schon die Weggucker, die Nicht-Helfer bei Akten öffentlicher Gewalt, die Menschen, die früher Angst vor Restriktionen hatten? Die, die sich nicht klar dagegen äußern, wenn Farbige oder Andersdenkende verbal diskriminiert werden?
        Wenn man es klar sieht, ist das wohl so. Jedes kleine Tolerieren von Engstirnigkeit und Intoleranz bestärkt die „Täter“ in ihrer Haltung oder ihrer Handlung. Wir müssen den Mund aufmachen und uns auch neben die Diskriminierten stellen. Unbequem, nicht ungefährlich, aber letztlich alternativlos, oder?

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  2. Pingback: Berlin – Mahnmal | pixelmacher

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