Australien Teil 6 (von 7)

Montag, 01.6.98

Wer immer die Brit’se waren, sie waren Frühaufsteher und kurz vor uns vom Platz gefahren. Gott sei Dank fuhren sie in Richtung Uluru und nicht zum Palm Valley nach Norden. Ja, ich weiß. Es ist immer das gleich paradoxe Verhalten: Trotz gleicher Reiseart, sind es immer die anderen, die stören, man selbst natürlich nicht. Es mag als Rechtfertigung gelten, daß 30 im Pulk fahrende Autos in einer kleinen Schlucht doch etwas deplaziert wirken, die normalerweise ziemlich einsam ist. Direkt hinter dem Campingplatz ging die geschotterte Straße los. Hinter dem Auto hat’s gestaubt wie ein Sandteufel und im Auto selbst war absolut die Hölle los.

outbacktrackEs knackte und schepperte, als ob alles gleich zusammenfallen würde. Die Straße war kiesig/sandig mit jeder Menge Querrillen und Washouts. An den besonders schlimmen Waschbrett-Stellen, und die waren oft viele Kilometer lang, half nichts anderes, als zwischen 80 und 100 Km/h schnell zu fahren. Der Wagen flog dann förmlich über die Rillen und die Schläge auf den Wagen verschwanden fast ganz. Das diese Straße noch für normale PKW zugelassen war , ist allerdings ein echter Joke! Nach spätestens 50 km Strecke hätte sich jedes normale Auto in seine Bestandteile zerlegt.

Über rund 200 km führte diese Piste durch eine wirklich schöne Landschaft. Jetzt waren erstmals auch wieder Termitenbauten am Wegesrand zu sehen. Noch nicht die ganz großen, wie es sie in Westaustralien gibt, aber doch schon 1,50 m hoch. Wenn man die Bauten berührt, entsteht der Eindruck, der Sandmörtel sei ganz leicht feucht. Im Sand laufen eine Menge Tierspuren – von Käferspuren, bis hin zu Kamelspuren und dazwischen eine große Anzahl, die ich nicht zuordnen konnte. Kamele haben wir gestern schon gesehen, sie waren allerdings weiträumig eingezäunt. Die gibt’s hier aber auch wild, ebenso wie diese Dromedare:

dromedare

Die Kamele scheinen schlauer als die Kühe zu sein. Sie halten sich von den Straßen fern. Auch wenn’s hier so aussieht, als ob die Viecher auf der Piste stünden, sie machten abseits der Straße ein Päuschen.

Nach besagter Distanz kamen wir in Hermansburg an, an der Kreuzung, an der es 14 km nach Süden ins Palm Valley abgeht. Dort steht es ausdrücklich groß auf einem Schild: „Only for 4-Wheelers!“ Also haben wir die Vorderrad-Differentiale gesperrt, das Vorschaltgetriebe eingelegt und ab ging’s. Und wie! Zuerst kamen nur Tiefsandpassagen, in denen allerdings jeder PKW schon komplett eingegraben wäre. Die machen viel Spaß, denn der Toyota zieht da durch, als ob es nichts wäre. Zum Schluß, schon nahe dem Eingang des Parkes, kam dann eine brutale Felsstufe, die anzufahren sich der Fahrer eines Nissan Terrano nicht mehr traute. Der Nissan besitzt deutlich weniger Bodenfreiheit als der Toyota – es ist eigentlich kein echter Geländewagen mehr. Den Toyota Landcruiser konnte ich ganz gut die Stufe hoch bugsieren, aber Heike war das Ganze langsam zu aufregend. Sie wollte dort stehen bleiben und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. Da ich nicht wußte, was uns der Weg noch bieten würde, war ich einverstanden und ab ging’s per pedes. Wobei sich allerdings herausstellte, daß auf dem weiteren Weg nur noch eine einzige weitere, bösartige Schwierigkeit wartete. Der größte Hammer war, daß einer der vierradgetriebenen Kleinbusse mit Hänger, auf denen meist „Adventure-Tours“ stand, die Strecke tatsächlich bis zum Ende fuhr. Wir waren zwar zu Fuß schneller, aber ich hätte nie gedacht, daß die großen Apparate dafür taugen würden! Das würde diese Art des Reisens für uns zwar auch nicht attraktiver machen, aber der Fahrer verstand sein Job! Palm Valley ist wirklich sehr schön, aber wenn man die mühsame Anfahrt bedenkt, ist der Anblick doch mit viel Schweiß erkauft. Anders als auf dem Weg zum King’s Canyon, geht (oder fährt) man durch das trockene Flussbett unter riesigen Felsüberhängen hindurch. Wie auch am King’s Canyon, ist hier jede Menge Federvieh zu bewundern. Die ausschließlich hier wachsenden, anderswo lange ausgestorbenen Palmen haben wir auch gebührend bewundert. Man kann die Anzahl der Lebensjahre des Baumes an der Anzahl der der Blätter ermitteln, die verholzen und einen Teil des Stammes bilden. Einige der Palmen sollen schon 300 Jahre alt sein. Das heißt, sie lebten schon, als Australien noch nicht von den Europäern besiedelt war. Das sah man Ihnen allerdings auch an – sie sahen schon ziemlich gerupft aus! Auf dem Rückweg zum Auto merkte ich dann, das mein Strohhut die stechende Mittagssonne nicht ausreichend abhielt. Ich war drauf und dran eine Sonnenstich zu bekommen. Heike, mit Ihren dichten Haaren, machte die Sonne nichts aus. Die Natur hat sich bei unserer Behaarung schon etwas gedacht. Heißt das, wir Männer sollen im Laufe der Evolution den Löffel abgeben, weil uns die Kopfhaare ausgehen?! Um es vorwegzunehmen: Es ist bei leichten Kopfschmerzen und etwas Schwindelgefühl und Müdigkeit geblieben. Aber man sieht daran, was für eine erbarmungslose Kraft die Sonne hier hat. Immerhin ist es gerade Winter hier! Heike fuhr den restlichen Weg bis nach Alice Springs weiter. Dort fanden wir zunächst das Stadtzentrum nicht, weil es als Fußgängerzone genau in der Mitte eines geschlossenen Häuserblocks verläuft, der von außen aussieht wie ein großes Einkaufszentrum. Nach etwas Kurverei und gereckten Hälsen hatten wir’s dann. Und siehe da! Endlich gab’s auch die ersehnten Digeridoo-Geschäfte in großer Zahl.

didge_dreh

Durch die starke Konkurrenz waren auch die Preise endlich akzeptabel. Ich bin nun also stolzer Besitzer eines bemalten Digis, bei dem noch viel der rötlichen Holzmaserung zu sehen ist. Das im Bild ist allerdings nicht meines. Leider konnte ich noch keinen einzigen Ton hervorbringen. Aber ein freundlicher Aussie testete für mich mehrere Modelle und empfahl mir 3 zur Auswahl. $ 250 hat das gute Stück mich letztendlich gekostet. Es wurde von einem einheimischen Abo-Künstler aus Cairns gemacht. Nun wollten wir noch einkaufen, tanken und auf einen Campingplatz fahren, den wir beim Hereinfahren schon gesehen hatten. Und da passierte uns die Sch… des Tages! Kann man wirklich nicht anders sagen. Und zwar hatten die Parkplätze des Supermarktes ein Wellblech-Sonnenvordach, unter dem die Parkplätze für die Autos lagen. Autos…, aber keine Hochdach-Geländewagen. DieTücke war nun: das Sonnenvordach fiel von der Befestigung an der Hauswand aus, leicht nach vorn ab. Und das Autohochdach steigt keilförmig von vorn nach hinten an. In der Mitte des Autodaches sitzt ein runder Gnubbel aus GFK, der die Belüftungs-Öffnung verdeckt. Heike parkte nun das Womo mit Schwung unter dem Dach, so daß das keilförmige Autodach das Hochdach anhob, das Ende des Daches über den Gnubbel knallte (er riß nicht ab – gute Wertarbeit!) und sich das Dachende maulartig hinter dem Hochdach des Autos schloß. Zack, saßen wir bombenfest in der Falle! Zurück ging nichts mehr, weil der Abschluß des Vordaches ein stabiler Profilträger war, der nun das Hochdach des Wagens hinten umschloss. Unter großer Anteilnahme mehrerer Aussies ließen wir einen Großteil der  Luft aus allen 4 Reifen ab und ich schnappte mir ein Montiereisen aus dem Wagenboden, um den Dach-Gnubbel wieder herunterzudrücken. Das Autodach beulte sich erbärmlich nach Innen dabei, so daß ich manchmal dachte, gleich führen wir Hochdach-Cabrio. Aber es hielt, und während drei hilfreiche Aussies in den offenen Hecktüren standen und das Heck belasteten, damit es tiefer kam, Heike langsam auf Zuruf rückwärts fuhr, und ich das Dach mit dem Montiereisen traktierte, machte es endlich „Plopp“ und die Karre kam frei. Das Vordach war etwas lädiert, aber danach krähte kein Hahn! Die Ladenbesitzer zuckten mit den Schultern und klopften mir auf dieselben. Ich war vielleicht fertig! Das Adrenalin stand uns beiden bis zum Hals und es hatte mich zusätzlich viel Kraft gekostet, mich mit dem einen Arm am glattflächigen Auto festzuhalten und mit dem anderen die Belüftungshutze herunterzudrücken. Heike war auch vollkommen blaß, dabei konnte sie nun wirklich nicht viel dafür. Das wäre mir wohl genauso passiert. Der lichte Raum bis zum Vordach sah so weit aus. Leider war das Hochdach des Autos noch höher… Wir sahen, das das wohl nicht selten geschah, denn das Dach sah an anderen Stellen ähnlich verdellt aus. Vollkommen fertig schlichen wir durch den Supermarkt, tankten und bliesen die Reifen wieder auf. Und dann nur noch ab auf den Campingplatz. Hier haben wir den Tag noch mit einem netten BBQ mit selbst mitgebrachten Fleisch abgeschlossen.

Dienstag, 02.6.98

So, heute morgen geht es mir wieder besser. Aber etwas habe ich den Sonnenstich noch den ganzen Tag gespürt. Wir haben versucht, die Karten für den Uluru-Nationalpark einem deutschen Ehepaar zu geben, die mit 2 kleinen Kindern reisten, aber die waren auch schon dort gewesen. Also ab in die Mülltonne damit. Heute war ein längerer Fahrtag angesagt, was meiner leicht angeschlagenen Konstitution zugute kam. 1450 km sind es noch bis nach Darwin, dem Endpunkt unserer Tour. Das entspricht drei Tagen mit einem hohen Fahranteil. Also ging’s ab auf den Stewart Highway, den die Aussies nur „the Track“ nennen. Als 11.00 Uhr durch war und unsere Fahrerkabinen-Klimaanlage in der Affenhitze nur noch lauwarme Lüftchen, statt eiskalter Luft produzierte, wunderte ich mich schon etwas, wie heiß es wohl sein würde. Als wir dann an den „Devils Marbles“ zum ersten Mal ausstiegen, traf es uns wie mit dem Vorschlaghammer! Mein Kopf kannte das schon und die wenige verbliebene Gehirnmasse fing sofort wieder zu brodeln an. Heike grinste und meinte, es würde sie nicht wundern, wenn der Rest gleich über die Ohren abdampfen würde. Ihr ging’s natürlich ganz genauso. Wir hatten kein Außenthermometer, aber ich schätze es müssen so um die 40-45 °C gewesen sein. Die Devil’s Marbles waren imposant anzuschauen, aber bei dieser Hitze beeindruckte uns unsere tapfere Klimaanlage deutlich mehr!

rainbowsnakeseggsAußerdem wohnten hier so penetrante Fliegen, wie wir sie noch nicht erlebt hatten. Überhaupt scheinen die Biester mit steigender Hitze immer aktiver zu werden. Wie muß das hier erst im Sommer sein. Kein Wunder also, daß in Darwin der Sommer „Mad Season“ genannt wird und Menschen nicht selten wirklich durchdrehen. Also ging’s wieder ab auf die Straße und wir beschlossen heute wirklich fast ausschließlich zu fahren. Links und rechts der Fahrbahn tauchten immer mehr Termitenhügel auf. Zunächst nur spitzkegelig schlanke, wie wir sie schon kannten. Dann aber zunehmend auch ausladende, mit breiter Basis, die mindestens das 10-fache sichtbare Volumen der bisherigen besaßen. Das warf allerhand Fragen auf, die uns interessierten. Wird zum Beispiel die Durchtrittsfläche in die Erde durch das Volumen des Baus darunter bestimmt, oder sind das teilweise nur kleine Ausstiegstürme auf riesigen unterirdischen Anlagen? Einige Türmchen lagen auch so dicht beeinander, daß sie gut zu dem selben Bau gehören könnten. Und wird die Form der Bauten mehr durch die ererbten Anlagemuster oder durch die örtlichen Gegebenheiten bestimmt? Besonders merkwürdig ist es, daß es so etwas wie bevorzugte Bauplätze nicht zu geben scheint. Dennoch gibt es manchmal Plätze, wo die kleinen Türmchen so dicht beieinander stehen, daß es von der Straße aussieht wie ein Friedhof. Allerdings mit hübschen roten und sehr individuellen Grabsteinen! Und dort tobt das Leben!

lanzettenpflanzeDie Landschaft, durch die wir heute fuhren, war für das Outback sehr abwechslungsreich. Jede Menge Hügel und Felsen, die Devil’s Marbles und häufig wechselnde Vegetation. Einmal wurde die Mulga – und Steineichen-Vegetation richtig waldig. Heike und ich dachten früher, daß das Outback immer topfeben und wüsten- oder steppenähnlich sei. Das ist aber überhaupt nicht so, wie sich hier zeigt. Nur trocken und heiß – das ist es!

Eine witzige Sache gibt’s da noch in Bezug auf das Outback zu berichten. Fast alle Flüsse des Outbacks fließen nicht in größere Flüsse und von dort aus in das Meer. Nein, im Grunde genommen haben sie zwei Enden und als Quelle oder Ende allenfalls einen See. Den Großteil des Jahres ist natürlich sowieso alles trocken. Aber die Flußbetten sind ziemlich breit und manchmal auch tief ausgewaschen, so daß man sich als Betrachter gut vorstellen kann, was da manchmal für Wassermengen durchrauschen! Der Boden ist, abgesehen von einer dünnen Staubschicht, knüppelhart, so daß das Wasser auch nicht wegsickern kann. Vor 4 Wochen muß es einige Tage ununerbrochen und ausgiebig geregnet haben. Das sagte uns ein Ranger. Das ist natürlich ein Segen für die Pflanzen- und Tierwelt und mutmaßlich auch der Grund, warum wir einige Pflanzen haben blühen sehen. Die kleinen Kürbisse hier sind übrigens recht giftig, wie wir lasen. Schade, sie sehen saftig und appetitlich aus.

kuerbiss

In vielen größeren Flußbetten stehen auch jetzt noch Tümpel und kleinere Seen. Gestern im Palm Valley quirlten eine große Menge Kaulquappen durch die Tümpel. Viel Zeit haben sie nicht, um sich zu entwickeln, sonst liegen die Pfützen wieder trocken. Wenn es wirklich regnet hier, dann sind das wohl tropische Regenfälle, wo in wenigen Augenblicken wahre Wassermassen vom Himmel fallen. Und wenn das tagelang geschieht…  Immer wieder sehen wir am Straßenrand Wasserstandsanzeiger, die bis auf Höhen von 2 m über dem Grund ragen. Und das nicht etwa in Flußbetten, sondern in riesigen flachen Ebenen. Es ist offensichtlich, daß menschliches Tun dann vollkommen stillgelegt ist. Auch für den Stewart Highway ist dann einige Tage Schicht. Wir sind unbehelligt von irgendwelchen Fluten bis Tennant Creek gekommen, unser eigentliches Ziel für heute. Da es aber ein uninteressantes Kuh-Kaff ist, mit nichts als einer alten Telegrafenstation als Attraktion, sind wir noch 150 km weitergefahren, bis Renner Springs. Das ist nur ein Roadhouse mit angeschlossenem Motel und einem heruntergekommenen Campingplatz. Aber wir haben wieder etwas Zeit gewonnen für interessantere Aktivitäten in den nächsten Tagen. Unser Steak mußte heute in die Pfanne wandern, statt in den nächsten Grill. Der Grill bestand nämlich aus einem rostigen alten Ölfaß, mit einer hineingeschnittenen Öffnung für Holz oder Kohle. Auf dem ultra-speckigen und schwarzen Deckel wollten wir unser Fleisch wirklich nicht grillen. Alle anderen Camping-Platz-Grills, die wir bislang gesehen hatten,  waren zwar auch nicht mustergültig sauber, aber doch immer in einem solchen Zustand, daß man nach kurzer Reinigung damit leben konnte. Muß ja auch nicht antiseptisch sein, das kann man hier draußen ja auch nicht verlangen. 

Mittwoch, 03.6.98

Das war vielleicht eine Nacht, letzte Nacht! Es war so heiß wie in der Hölle in unserem Auto. Draußen aber kaum weniger. Außerdem hatten wir unvorsichtiger weise zwischendurch das Auto offen stehen gelassen, so daß eine Schwadron blutrünstiger Mücken einfallen konnte. Und was für Mengen von diesen Biestern! 7 haben wir beim Lesen gesehen und erschlagen, 2 weitere während des Schlafes terminiert. Es waren aber immer noch nicht alle und so kratzten wir uns am morgen ganz ordentlich. Auf der Fahrt heute mußten dann noch 2 weitere über die Klinge schwirren, beide fett vollgesogen. Ich hoffe, daß war’s dann auch. Dazu kam, daß heute Nacht die Road Trains quasi durch unser Auto fuhren. Die sind nicht so beeindruckend, wie man immer liest. Von wegen – wenn ein Roadtrain kommt, fahrt lieber runter von der Straße! Das war vielleicht zu Zeiten des unasphaltierten Tracks so. Heutzutage dürfen die Trucks nur maximal 2 zusätzliche Hänger fahren, wie hier im Bild zu sehen. Damit sind das zwar immer noch ganz schön lange Züge, es ist aber kein Problem, sie zu überholen.

roadtrainDie Geschwindigkeit ist auf dem Straßenabschnitt vor dem Roadhouse auf 60 km/h reduziert und wenn die dicken Freightliner Trucks bei Beginn der Beschränkung ihre Motorbremsen nutzen, dann hört man das Röhren der Motoren kilometerweit. Wenn die Begrenzung hinter dem Roadhouse dann aufgehoben ist, beschleunigen sie wieder, daß ihnen das Feuer aus den Auspuffrohren zischt – und das ist natürlich ähnlich laut. So what – wir haben auch diese Nacht überlebt. Allerdings etwas grimmiger als gewöhnlich. Ca. 100 Kilometer weiter nördlich wäre ein Campingplatz gewesen, der weiter weg von der Straße gelegen ist und nicht schlecht aussah (in Elliot). Einen Camping bis zu dem wir es gestern beim besten Willen nicht mehr geschafft hätten, haben wir noch in Daly Waters gesehen. Diese winzige Kaff besteht nur aus dem ältesten Pub des Northern Territory, einer Tankstelle, einem Wohnhaus und dem Campingplatz. Es hat allerdings den großen Vorteil, ca. 4 km abseits des neuen Stewart Highway zu liegen. Ich vermute, die alte Trasse führte genau durch Daly Waters hindurch. Den alten Highway haben wir übrigens des öfteren gekreuzt. Das müssen abenteuerliche Zeiten gewesen sein. Nicht nur, daß er noch nicht asphaltiert war – das ist ja bekannt. Nein, er scheint auf weiten Strecken einspurig gewesen zu sein. Mit einem Randstreifen aus grobem Schotter oder Sand. Vermutlich mußte der Schwächere kurz vollständig anhalten und sich in die Büsche schlagen. Außerdem verlief der alte Track nicht selten in den trockenen Flußläufen. Wenn die Straße nämlich einen Fluß kreuzte, wurde keine Brücke gebaut, sondern eine Rampe in das Bett hinein, bzw., wieder heraus. Wenn das Flußbett  zufällig in die richtige Richtung lief, verlief die Straße einfach auch ein Weilchen darin. Die Zeiten, wo das noch so war, sind noch gar nicht so lange her! Da fällt mir noch der Biker ein, der gestern abend auf einer Honda Dominator auf den Platz gerollt kam. Blitzblank sauber. Entweder frisch geliehen in Darwin, oder neu gekauft. Der Typ war nicht gerade ein Sympathieträger – schade, denn ich hätte gerne etwas länger mit ihm geplauscht. Als er heute morgen vor uns vom Platz fuhr, sahen Heike und ich ihm automatisch nach und erwarteten das tiefe Ballern seines Eintopfes beim Gasgeben. Aber nichts da – der Looser schaltete ultrafrüh hoch und flüsterte von dannen! Der hatte wohl gar keinen Spaß an seinem Mopped. Durch unser frühes Aufstehen und die ‚Flucht‘ vom Platz, waren wir schon unerwartet früh in Katherine. Eine kurze Rast in Mataranka haben wir auch gemacht. Dort gibt es heiße Quellen. Aber die konnten uns nun gar nicht locken, denn mittlerweile war es schon wieder so heiß wie gestern und wir haben uns lieber ein lebensrettendes Eis gekauft. Heiße Quellen! Bah! Die Temperaturen und Luftfeuchtigkeit in Katherine konnten absolut einem Vergleich mit denen in Singapore standhalten. Man tut gar nichts, sondern hängt nur schlaff herum und ist dennoch sofort ein ausgewachsenes Feuchtbiotop. Heike erstand im nagelneuen Einkaufszentrum eine kurze Hose. Warum das Einkaufszentrum neu war und gegenüber das alte noch verwahrlost herumstand, habe wir dann auf dem Tourist Office erfahren. In diesem Januar war der Katherine River über die Ufer getreten und hatte in einem Jahrtausend-Hochwasser die ganze Stadt bis zu 2 m hoch überflutet. Absolut beachtlich, wie schnell und zielstrebig alles wieder aufgebaut und bewohnbar gemacht wurde. Die Existenzverluste und die vielen Toten, die es bei dieser Katastrophe gegeben haben muß, die sieht man natürlich nicht. Der nahe Luftwaffenstützpunkt hat wohl enorm zur Wiederherstellung der Gebäude beigetragen. Als wir dann im Katherine Gorge National Park ankamen, habe wir als erstes ein Kanu für morgen Vormittag gemietet (8.00 Uhr bis 13.00 Uhr für $ 36,-) und sind nach Auswahl eines schattigen Stellplatzes zum Fluß, schwimmen gegangen. Der ist naturbelassen wild und sogar einen Strand haben die Ranger nicht angelegt.

homeofthefreshieDas Foto zeigt einen Uferabschnitt weiter hinten, im 2ten Canyon, wo die Wände steiler und weniger bewachsen sind.

Man steigt am Bootshaus über eine Leiter ins Wasser oder sucht sich eine beliebige Stelle am Fluß, wo die dichten Mangroven-Pflanzen einen Durchgang zum Fluß freigeben. Die Stimmung, als wir im Fluß schwammen, war absolut verwunschen! Rechts und links stand eine dichte grüne Wand aus Palmen und Mangroven und jede Menge exotische Piepmätze sausten herum. In der Mitte des ca. 15 m breiten Flusses nur wir allein mit den Krokodilen und den Barramundies. Das mit den Krokodilen ist in der Tat kein Witz – aber es sind Süßwasserkrokodile – Freshies, wie die Aussies sagen. Angeblich fressen die ausschließlich Fische und knabbern Menschen nur dann an, wenn sie ihre Jungen gefährdet sehen. Nun ist es natürlich so eine Sache, einzuschätzen, wann so ein Kroko meint, seine Jungster seien akut gefährdet. Vielleicht sind die ja cholerisch veranlagt!? Wir haben sie in Sydney im Aquarium gesehen: Bis 2 m lang und spitze, schlanke Mäuler mit reichlich großen Zähnen. Und wer sagt uns eigentlich, ob es hier nicht doch reisefreudige Salties gibt, die 200 Kilometer nördlich sonst regelmäßig unaufmerksame Kühe oder Touristen zum Aperitif vernaschen. Um nun nicht den Eindruck zu hinterlassen, wir seien die letzten Helden unserer Tage, weil wir trotzdem schwimmen gingen: Plötzlich sah Heike in ca. 15 m Entfernung 2 Gnubbel auf dem Wasser treiben. Treiben? Schwammen die nicht gegen die Strömung? Ich kann nicht mehr so genau sagen, wer von uns letztendlich schneller aus dem Wasser war, nachdem wir beschlossen hatten, daß die Dinger sich tatsächlich auf uns zu bewegten… Es zeigte sich, daß es eine Mangrovenschlinge war, die solche komischen runden Auswüchse trug, die als einzige übers Wasser ragten. Ein Rückstrudel im Wasser trieb sie entgegen der Strömung. Hüstel… Morgen werden wir unsere langzähnigen Freunde wieder besuchen. Heute abend gab’s wieder Steak und Spießchen – unter regem Grillplatz – und Utensilien-Sharing mit den anderen Campern. Jetzt ist es halb 9 Uhr abends und noch immer dermaßen schwül, daß ich nur in Badehose hier sitzen kann und schreiben. Duschen ‚entklebt‘ nur für Sekunden. Die auch hier reichlich vorhandenen Mücken konnten wir hoffentlich heute nacht aussperren. Fliegen gibt es hier fast gar keine – emergency-wedeln ist unnötig. Tropenforscher Dr. Sommerfeld schließt für heute und nimmt seinen Kreislaufkollaps für heute – adios Du warme Welt!

Donnerstag, 04.6.98

Wider Erwarten lebe ich doch noch. Wir haben heute Nacht beide Betten gebaut – das Hochdachbett und das untere, aus den Sitzbänken bestehende. Das Bett unter dem Hochdach allein wäre für beide einfach zu heiß gewesen. Ein Nanograd Celsius mehr und unser Ableben wäre erledigt gewesen. Heute Morgen weckten uns ein Schwarm Kakadus und Sittiche mit großem Gekreische. Nach dem Frühstück waren wir pünktlich am Bootsverleih. Der Check-in-man riß ein blödes Witzchen nach dem anderen, als wollte er Kotzbrocken vom Tage werden. Er meinte wohl den Touristen, die wir in einer größeren Gruppe auf das Öffnen des Kiosk warteten, so etwas schuldig zu sein. Später, bei der Ausgabe der Boote unten am Pier, war er dann nämlich ganz vernünftig. Er sagte, die Krokos würden vom July bis August auf den Sandbänken ihre Eier ablegen und diese dann unter Umständen auch bissig bewachen, wenn ein Tourist allzu neugierig wird. Zu dieser Jahreszeit konnten wir problemlos am Ufer rasten und von dort aus schwimmen gehen. Innerhalb der ca. 4 Stunden, während wir das Boot hatten, haben wir es bis zum Ende des 2ten Gorges geschafft. Die Schluchten reihen sich wie Perlen aneinander und sind jeweils durch kleine Stromschnellen oder Wasserfälle voneinander getrennt, über die man die Boote tragen muß. Teilweise kann man zu dieser Jahreszeit sogar drüberfahren – während der Regenzeit dürfte das unmöglich sein. Die Fahrt war absolut fantastisch und empfehlenswert! Die ca. 5 km (eine Strecke) waren für uns in der gegebenen Zeit sehr gut und ohne Stress zu schaffen und wir ließen uns zwischendurch reichlich Zeit zum Schwimmen und dümpeln mit dem Boot zwischen den Mangroven. Wir haben allerdings einige Erfahrung mit Kajaks und Kanus, so daß es für Anfänger etwas länger dauern könnte. Ein Wermutstropfen sind die größeren, motorisierten Boote, die die fauleren unter den Touristen herumkutschieren. Einmal fuhr ein solches Boot so schnell und dicht an uns vorbei, daß wir ziemlich Wasser übergeholt haben. Ein weniger erfahreneres Bootsteam als wir, hätte durchaus baden gehen können dabei. Die Insassen der Boote wechseln von Canyon zu Canyon von einem Boot in das nächste, so daß man auch dort keine Ruhe vor ihnen hat. Nachmittags haben wir im Halbschatten (mehr war nicht zu finden) herumgefaulenzt und gelesen. Dabei sahen wir, kurz vor Dämmerung, wo sie sich begannen zu rühren, daß jede Menge große Flughunde in den Bäumen am Fluß hingen. Große fette Viecher, mit einer Spannweite von gut einem Meter. Sie hängen im Moment in Gruppen auf den Bäumen und zanken sich oder wedeln sich gegenseitig kühlende Luft zu. Dies Flügel sind wirklich faszinierend – man konnte im Gegenlicht deutlich die fragile und durchsichtige Bauform sehen. Ein ausgesprochen erholsamer Tag. Abends sind wir zum Restaurant des Visitor Centers essen gegangen. Es gab Barramundi, den angeblich so leckeren Riesenfisch des Northern Territory, den wir natürlich probiert haben. Er kommt hier in den Flüssen noch immer häufig vor und darf zu festgelegten Zeiten auch noch befischt werden. Mit der Angel. Bei einem kapitalen Fang muß das ein starkes Stück Arbeit sein, den sie werden bis gut 1,50 m lang und sind schwer gebaute Fische, die enorm kämpfen. Schmecken tat er jedenfalls ganz ausgezeichnet. Ähnlich wie frische, gebratene Makrele, aber nicht so fett und so fischig.

zum Teil 7 der Australien-Tour

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