Stativ-Test (Velbon Ultra Rexi)

Wer sich schon mal ein Foto-Stativ zulegen wollte kennt das… Es gibt soooo viele und schließlich muss man sich noch entscheiden, was genau man eigentlich benötigt, bzw. priorisiert: Soll es möglichst kompakt zusammenlegbar sein? Dann leidet die Stabilität. Wie hoch soll es denn ausfahrbar sein? Auch eine große Maximalhöhe beeinträchtigt die Steifheit – und die ist es ja, die man gerade benötigt. Soll die geringste Höhe auch sehr niedrig sein, weil Ihr Makrofotografie machen wollt? Mit dem Frosch Aug‘ in Auge?
Was darf das gute Stück denn kosten? Gefühlt den Gegenwert eines Kleinwagens? Dann wäre es sehr leicht und dennoch stabil (Kohlefaser). Nur wer hat schon so viel Kohle?

Ich hatte mich seit Wochen schlau gemacht, was ich mir wohl für ein Stativ zulegen könnte und schließlich schwirrte mir der Kopf! Es ist ja nicht so einfach, die teilweise stark subjektiv gefärbten Berichte und die „Erfahrungsberichte“ derer, die noch nie das Stativ in der Hand gehabt haben, über das sie berichten, von denen zu trennen, die wirklich informativ und Fakten-basiert sind.
Und es ist gar nicht so einfach, alle Stative, die einen interessieren, wirklich einmal life in die Hand zu nehmen und auszuprobieren. Da kann man sich die Hacken ablaufen!

Auch herauszufinden, was einem selbst wirklich wichtig ist, ist nicht so trivial, wie es zunächst scheint… (siehe oben)

– Ich suchte ein leichtes Reisestativ, das dennoch meine Sony alpha 580 plus Tamron 70-200, 2,8 wegstecken können sollte. Das sind mit Batteriegriff fast 1,5 Kilo.
– Ich bin 1,94 m groß und wollte mich nicht unbedingt ständig auf gut einen Meter Höhe zusammenfalten müssen.
– Die Transportlänge ohne Kopf sollte möglichst keine 45 cm überschreiten (für den Rucksack geeignet)
– Ich wollte in jedem Fall Makro-Tauglichkeit haben, was die Mindesthöhe angeht.

Nachdem ich mir viele Stative angeschaut und darüber gelesen habe (unter Anderem Cullmann Magnesit 525, diverse Giottos, Sirui T2204x, Manfrotto MA055, Slik, Feisol, Induro und Vanguard) war mir klar, daß Schwenkklemmen oder Drehverschlüsse für mich beides ok war (Manche machen da eine Weltanschauung draus), die Kompaktheit mit Kopf wichtiger war, als das letzte Gramm Gewicht und die gute Handhabung wirklich viel ausmacht.
Irgendwann stieß ich dann auf das Velbon Ultra Rexi, über das leider im Internet nicht viel Belastbares gefunden werden kann. Häufig wird es mit den weniger stabilen anderen (kleinen) Ultra-Stativen von Velbon verwechselt und über den patentierten Beinauszug fand man die wirrsten Informationen. Geht man allein vom Namen aus, müsste man es eigentlich sofort verwerfen… „Ultra Rexi“ klingt wie der deutsche Schäferhund von Superman.
Deshalb hier nun einige Fakten und subjektive Bewertungen aus eigener Anschauung, nachdem ich das Ultra Rexi erworben habe und damit (das sei vorausgeschickt) recht zufrieden bin:
Das Gewicht beträgt ca. 1300 g (Material der Beine Alu (30 mm größter Durchmesser, 19 mm kleinster Durchmesser), Mat. des Stativsternes = Magnesium), kompakte Länge 36 cm! (ohne Kopf), max. ausgezogene Länge 154 cm, teilbare Mittelsäule, Mindesthöhe mit meinem Sirui G20 Kopf = 19 cm bis unter den Kameraboden (knapp 10 cm ohne Kopf), invers umsteckbare Mittelsäule – mit hängender Kamera also „Höhe Null“ möglich. Gut funktionierender Klemmmechanismus der MS mit Einhandbedienung. Selbstrückstellende Beinwinkelrasten (3 Positionen). 5 Beinsegmente (= 4 Auszüge).
Fußenden mit stabilen Gummikappen (keine Spikes), kein Lasthaken an der Mittelsäule.

SONY DSC
Bezüglich der Funktionen das Wichtigste am besten zu erst: Der Drehverschluss der Beine!
Das Rexi hat nur 2 Drehverschlüsse an den Beinauszügen. Mit dem unteren allein können alle 4 Auszüge auf einmal ausgezogen werden. Und das geht so: Man dreht den Verschluss gegen den Uhrzeigersinn und spürt alle ca. 30 Grad Drehwinkel einen Rastpunkt, über den man aber hinwegdrehen kann. Wenn ich den Drehverschluss 120 Grad drehe, habe ich ich 4 Rastpunkte überwunden und weiss daher, ich kann nun 4 Beinsegmente ausziehen. Ein Dreh in Gegenrichtung nach dem Ausziehen der Beine (halbe Drehung reicht aus) fixiert alle Beinsegmente auf ein Mal bombenfest. Wenn ich nur einen Rastpunkt überwinde, kann ich auch nur ein Beinsegment ausziehen, mit zweien 2 Beinsegmente, etc. Genau so funktioniert es umgekehrt auch beim Einschieben. 4 mal „Klick“ und ich kann alle 4 Beinsegmente auf ein Mal einschieben. In der Praxis geht das vollkommen problemlos und superschnell.
Der obere Drehverschluss zieht nur das dickste Beinsegment allein aus. Wenn ich also alle Beinsegmente noch drin habe und nur etwas mehr Höhe benötige (und max. Stabilität) drehe ich nur den oberen Verschluss und ziehe allein das dickste Segment aus.
In der Praxis ist dieses System beim Vollauszug weit schneller als alle anderen mir bekannten. Max. 3 Sekunden pro Bein…
Etwas trickreicher und auch langsamer wird es, wenn ich z.B. alle Segmente ausziehen will, bis auf das letzte, dünne. Denn mit diesem System ziehe ich die dünnsten Segmente zuerst heraus. Der erste „Klick“ gibt das dünnste Beinsegment frei und der letzte Klick gibt den dicksten Auszug frei. Um allein das dünnste Element drin zu lassen muss ich also zuerst alle 4 Segmente ausziehen, mit einer Drehung des Handgelenkes kurz festziehen (das stellt das „Klick-System“ auf Null) und dann einen Klick öffnen, das dünnste Segment wieder einschieben und endgültig fest ziehen. Das hört sich jetzt vielleicht etwas komplizierter an, funktioniert aber in der Praxis immer noch unglaublich schnell.
Wenn alle Beinsegmente ausgefahren sind ist das Stativ immer noch sehr steif! Nach meinem subjektiven Eindruck z.B. steifer als bei einem voll ausgezogenen Sirui T2204x (Kohlefaser).
Ich habe Makroaufnahmen bei schlechtem Licht mit mehr als drei Sekunden Verschlusszeit gemacht (Selbstauslöser mit Spiegel-Vorauslösung) und habe absolut scharfe Aufnahmen erhalten, obwohl ich das Stativ auf volle Höhe mit Mittelsäulenauszug hoch gefahren hatte. Das war allerdings in der Wohnung. Bei starkem Wind draußen (in Norwegen bei Nachtaufnahmen getestet) würde ich in jedem Falle die Säule eingefahren lassen.

Die Nachteile:
– Die Mittelsäule ist frei verdrehbar (keine Nut o.ä.) und besitzt keinen Lasthaken – den werde ich mir selbst nachrüsten.
– Die Beinenden besitzen keine Spikes und sie sind auch nicht nachrüstbar. (allerdings: wann benötigt man diese wirklich? Ich fotografiere sicherlich kaum je auf Eis)

Der Kaufpreis betrug 119,- Euro (plus noch einmal knapp 80 Euro für den Sirui G20 Kopf, der hervorragend zu dem Stativ passt). Das ist für die gebotene Stabilität und die Qualität meines Erachtens ein absoluter Kampfpreis!
Das Stativ besitzt 10 Jahre Garantie – ein Indikator dafür, daß die Entwickler großes Vertrauen in ihr Bein-Auszugs-System besitzen.
Das habe ich übrigens auch. Ich hatte vor dem Test im Laden einige Bedenken, was die Langzeittauglichkeit des Klick-Systems der Beine angeht! Aber diese sind wirklich zerstreut! Um kursierenden Spekulationen entgegenzuwirken: Es gibt keine „einrastenden Federmechanismen“ o.ä. die verschleissen könnten! Die „weißen, runden Aussparungen“ (Punkte), die auf Fotos in den Beinen sichtbar sind, sind keine Rastmulden für die Mimik! Dort sind (einmalig, bei der Werksmontage) die inneren, weißen Gleitbuchsen eingerastet. Da bewegt sich nichts mehr!
Die „Rasten“ entstehen durch Grate die über die ganze Länge der Beinsegmente laufen. Schwer zu erklären, ohne es zu zeichnen… Die Beine sind im Querschnitt nicht vollkommen rund, sondern sie besitzen einen „Grat“, der die Rastfunktion ausübt. Das Ganze sieht für mich als Ingenieur jedenfalls wohl durchdacht und auch langzeit-stabil aus.

Jeder, der sich mit Stativen schon einmal näher befasst hat kennt das: Das „Fass mal an da Gefühl“ diese Stativs vermittelt trotz Leichtbau Vertrauen!
Das ich mit dem Material Aluminium vielleicht ein paar Gramm gegenüber Carbon verschenke – ok, c’est là vie… Aber dafür liege ich bei der kompakten Länge inkl. Kopf und Schnellwechselplatten-Aufnahme bei nur 45 cm!
Die Klemmung der Mittelsäule erfolgt übrigens nicht durch einen Drehverschluss, sondern durch eine einhändig bedienbare Klemmlasche. Diese ist auch ein-, bzw. nachsstellbar (also, die Klemmstärke).

SONY DSC

Wie es mit der gesamten Langzeit-Robustheit wirklich aussieht wird sich zeigen. Ich besitze das Teil jetzt ca. 1 Jahr und bin sehr zufrieden.

Die Mittelsäule ist natürlich nicht gedämpft und die Beinsegmente sind nicht gedichtet, so daß ich damit nicht gerade in die Wüste oder in Sumpf gehen würde. Aber dafür gibt es schließlich Profi-Stative mit einem mehrfachen des Preises…
Ich hoffe, meine Eindrücke helfen Euch bei Euren eigenen Entscheidungen weiter, beste Grüße von Stefan

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