Apokalypse contra Kultur

Kürzlich hatte Texte und Bilder ein Blogstöckchen in die Welt gesetzt, daß – zumindest bei den Bibliophilen unter den Bloggern – eine entsetzte bis entgeisterte Welle hilfsbereiter Teilnehmerschaft auslöste. Ich konnte auch keinesfalls Nein sagen, als Anna von Buchpost mich fragte, ob ich nicht noch Platz für den Herrn der Ringe hätte!
Was war denn nun geschehen? Tobias von Texte und Bilder hatte die Frage gestellt, welche 3 (!) Bücher man mitnehmen und retten wolle, wenn man die Chance hätte, der hereinbrechenen Apokalypse zu entgehen. Meine erste, spontane Reaktion war wohl die erwartete: Nach basedow‘scher Art hervorquellende Augen, spontaner Schweissausbruch und Entsetzen! Wie soll man sich da je entscheiden? Wahnsinn!
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Doch dann meldete sich der Ingenieur, Praktiker und Realist in mir zu Wort…
Wen, zur Hölle, interessieren Bücher, wenn einem demnächst der Achtersteven geröstet wird!? Was ist das überhaupt für eine irre, hypothetische Fragestellung? Liegt die Limitierung im Platz, den ich zur Verfügung habe? Habe ich also nur einen kleinen Rucksack, in dem ich zu rettende Gegenstände verstauen könnte? Dann würde ich Antibiotika, ein Feuerzeug, ein Multitool, ein zweites Paar Schuhe, ein stabiles, leichtes Seil, eine regendichte Plane, eine Ersatzbrille und ein Beil einpacken! Wenn ich überhaupt an Bücher denken würde, dann am ehesten an ein Survival-Standardwerk. Wer würde denn während oder nach einer Katastrophe überleben? Der vergeistigte Büchermensch der seinen Blick für die Realitäten verschliesst und sich in Brecht versenkt, oder der Realist und Tatmensch mit Grundkenntnissen in Überlebenstechnik, Mechanik, landwirtschaftlichem Anbau, einfacher Chemie und Metallurgie?
Bevor mir jetzt jemand vorwirft, ich würde eine Mischung aus McGyver und Rambo als idealen Überlebenstypus verherrlichen (was keinesfalls meine Absicht war), weise ich lieber darauf hin, daß uns das sowieso alles vollkommen egal wäre, wenn unser soziales Geflecht auf einen Schlag verdampfte! Was nützte mir schon der Überlebensrucksack oder der Herr der Ringe, wenn meine Familie und meine Freunde nicht auch gerettet würden? Mein Überlebenswille wäre gleich Null und ich würde mich bestimmt nicht hinsetzen und getröstet die Gebrüder Karamasov lesen.
Ich muss also leider sagen, daß ich die Idee zwar als auf dubiose Weise spannend und herausfordernd empfinde, aber auch als absolut konstruiert und irgendwie seltsam.
Wenn ich jedoch z.B. als Gefangener die Möglichkeit hätte, drei Bücher mitzunehmen, so befände ich mich sicherlich mit dem Herrn der Ringe in exzellenter Gesellschaft. Ich nähme ihn gerne mit. Er würde mir helfen, in fremde Welten zu fliehen. Ein tolles Reisebuch würde in mir Erinnerungen wecken und die Gedanken schweifen oder mich von fremden, unbekannten Ländern träumen lassen. Ich nehme deshalb „Das Morgenland ist weit“ von Oss Kröher mit. Und Nr. 3? Ich dachte kurz an „die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch. Aber ich habe so das Gefühl, niemand sonst würde einen Science Fiction mitnehmen. Deshalb mogele ich hemmungslos (wegen der 4 dicken Bände), schnappe ich mir „Otherland“ von Tad Williams und vervollständige das Trio.
Ach ja… den viralen Aspekt der Blogstöckchen möchte ich nicht unterstützen. Wer mag, möge es doch klonen und mitnehmen, während es hier bei mir gemütlich in der Dockingstation liegt. Es gäbe noch so unendlich viele Bücher, deren Nominierung sich lohnen würde! Wie gut, daß es digitale Reader gibt – da passen locker 1000 Bücher drauf. Natürlich geht dabei die schöne Haptik verloren, aber mal ehrlich…wenn ich die Wahl hätte 3 Bücher im Original mitzunehmen, wohin auch immer, oder 1000 in der digitalen Version, dann entschiede ich mich für die Legion und hätte lange Spaß.

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19 Gedanken zu „Apokalypse contra Kultur

    • Danke Dir! Und keine Angst: Ich habe natürlich keinen Masterplan für den Fall des Weltunterganges… 😉 Das war nur schnell improvisiert…
      Wär‘ ja noch schöner…! Ich rechne fest damit, daß wir Menschen den Weltuntergang letztendlich abwenden können. Auch wenn man zwischenzeitlich meinen könnte, wir täten alles, um die Apokalypse selbst herbeizuführen. Homo Sapiens hat seinem wissenschaftlichen Namen noch nie sonderlich viel Ehre gemacht. Wahrscheinlich hatte Carl von Linné nur einen rabenschwarzen Humor… 🙂

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  1. Mensch, lieber Stefan, das ist ja nicht so einfach, mit einem knallharten Realisten Spiele auf so unsicherer Tatsachengrundlage zu spielen… 😉 Dabei sagten die Regeln, soweit ich mich erinnere, gar nichts darüber, was von dieser Apokalypse außer Büchern erfasst würde. Die praktisch veranlagte Realistin in mir selbst habe ich übrigens mit der Vorstellung zum Schweigen gebracht, dass es sich um ausgefallene Bakterien (oder Viren?) handelt, die schleichend alle Bücher befallen und vernichten – mit Ausnahme der zuvor von Buchrettern geretteten. (Die Science Fiction könnten wir notfalls also vielleicht selbst schreiben.) Herzliche Grüße!

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    • „Knallhart!“ hast Du dazugedichtet 😉 Ich habe viel zu viel Fantasie für einen Realisten der knallharten Sorte! 🙂
      Und ich muss leider sagen, daß Dich auch Dein Gedächtnis getrogen hat, denn der Verfasser des Stöckchens zeigt uns Dürers Apokalyptische Reiter und spricht anschließend vom Wiederaufbau der Zivilisation. Hört sich für mich nicht nach Bücherwürmern oder exotischen Lochfrassviren an…
      Das mit der selbst geschriebenen Science Fiction ist eine super Idee! Ich habe darüber schon einmal nachgedacht… 😉 Ich muss aber vorher noch eine Zeitmaschine erfinden, sonst fehlen mir Zeit und Muße.

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  2. Hach, auch wenn du natürlich mit deiner Skepsis ob dieses Stöckchens völlig recht hast, freue ich mich doch, dass du „mitgespielt“ hast, denn zum einen finde ich es interessant, wie unterschiedlich an die Aufgabe herangegangen wird, zum anderen bin ich immer neugierig, welche Bücher denn nun genannt werden. Dass du Kröher auf die Liste gesetzt hast, finde ich allerdings nicht nett. Das Buch klingt wieder so interessant. Seufz. Schön, dass du an Mulisch erinnert hast, denn müsste auch noch jemand einpacken. Liebe Grüße, Anna

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  3. Dazu fallen mir 2 Dinge ein und zwar erstens wurden „Eure Mütter“ mal nach 3 Dingen gefragt, die sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Die Antwort: „Zwei Nutten und ’nen Koffer voll Geld“ (also zumindest lautet so die Legende)

    Und zum anderen finde ich „Otherland“ eine verdammt gute Wahl, die Reihe hatte ich damals auch verschlugen (mind. 2 mal). Im Moment lese ich seit langem wieder Tad Williams (von dem habe ich bisher beinahe alles verschlungen) und zwar: „Die dunklen Gassen des Himmels“ (glaub das wird ne neue Trilogie und es fängt gut an, auch wenn ich noch nicht sehr weit gekommen bin).

    Ansonsten empfehle ich hiermit, falls Du es nicht eh schon kennst, „Der Blumenkrieg“ und wünsche ein feines Wochenende!

    ulli

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  4. Pingback: Oss Kröher: Das Morgenland ist weit (1997) – buchpost

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